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Hund & Mensch – „Das ist eine Art Liebesbeziehung“ – Interview mit Verhaltensforscher Prof. Kurt Kotrschal

Ich habe mich immer schon gefragt, ob mein Hund mit seinem Leben eigentlich zufrieden ist. Ob er sich bei uns wohl fühlt. Wenn ich ihn beobachte, würde ich beides mit „ja“ beantworten. Aber sicher bin ich mir natürlich nicht…

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Fotos: Nikolaj Georgiew

Im Fernsehen habe ich kürzlich einen der führenden Verhaltensforscher auf diesem Gebiet gesehen: Professor Kurt Kotrschal von der Universität Wien. Er sagt: Es gibt ein Menschenrecht auf Hundehaltung. Und auch ein Hunderecht, mit verständigen Menschen zu leben. Schließlich bestehe unsere enge Beziehung seit 35.000 Jahren.

Das hat mich so fasziniert, dass ich Professor Kotrschal um ein Gespräch gebeten habe. Und meine Fragen zu beantworten. Was soll ich sagen – es hat geklappt…

Herr Professor Kotrschal, Sie haben geschrieben, dass Mensch und Hund beidseitig voneinander profitieren. Der Mensch eindeutig – aber wie profitiert der Hund eigentlich von uns, wenn man mal von Nahrung und etwas Schutz absieht?

Es gehört zum Grundbedürfnis von Hunden, mit uns zu leben. Ein bisschen Sozialkontakt im Welpenalter reicht schon, und sie hängen an uns. Das ist unglaublich! Es gibt einen Glücksfaktor für Hunde, und das ist die gute Beziehung zu ihrem Menschen. Dabei gibt es immer zwei Komponenten: Erstens emotionale Zuwendung. Schmusen und im Bett schlafen, das ist wunderbar. Und die zweite Geschichte: Man muss etwas miteinander tun. Hunde sind Kooperations-Tiere und die wollen ständig etwas mit Menschen unternehmen. Und wenn man viel miteinander macht, dann stärkt das auch die Bindung.

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Fotos: Nikolaj Georgiew

Wie sieht denn der Hund die Beziehung zum Menschen? Eher als eine Zweckgemeinschaft oder ist das tatsächlich Liebe?

Das ist nicht nur eine Zweckgemeinschaft. Das ist eine ganz starke emotionale Bindung. Hunde haben die gleichen Bindungs-Mechanismen wie wir. In ihrem Gehirn passiert exakt dasselbe wie in unserem: Wenn sie in positive Beziehungen eintreten, aktivieren sie ihre Amygdala. Und bei uns ist das genauso: Wenn wir uns freuen, mit jemandem zusammen zu sein, oder wenn wir uns verlieben. Ja, von der Bindung her ist das eine Art Liebesbeziehung.

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Fotos: Nikolaj Georgiew

Reicht dem Hund denn der Mensch als Partner? Oder braucht er nicht den Kontakt zu anderen Hunden? Wäre es besser, immer zwei oder mehr Hunde zu halten?

Also, ein zweiter Hund ist meistens nett. Und wenn man es richtig macht, ist das auch nicht erheblich mehr Aufwand. Der wichtigste Faktor ist und bleibt aber die Beziehung zum Menschen. Ein Bekannter von mir hat mal richtig gesagt: Zwei Hunde seien überhaupt kein Problem, das merkt man gar nicht. Ab drei Hunden fängt der Wahnsinn an. Da muss man sich als Mensch schon klar sein, dass man für alle der verantwortliche Sozialpartner ist und in die Beziehungen auch einiges investieren muss. An Zeit und Zuwendung.

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Fotos: Nikolaj Georgiew

Es heißt ja immer, dass Zuwendung allein nicht ausreicht. Und ich habe mal gelesen: Ein ausgewachsener Hund befinde sich auf dem Entwicklungsstand eines 4-jährigen Kindes. Und die wollen beschäftigt und gefördert werden. Trifft das auf den Hund auch zu?

Also dieser Vergleich ist prinzipiell Quatsch. Weil Hunde eine vollkommen andere Entwicklung als Menschen haben. Zuwendung ist okay. Wichtig ist Kooperation und etwas gemeinsam zu tun. Ob man zum Beispiel Agility macht oder einfach nur zusammen spazieren geht – Hauptsache, der Hund ist dabei. Das stärkt natürlich die Beziehung. Aber man muss das dosieren. Ich brauche kein schlechtes Gewissen haben, weil ich den Hund nicht im 2-Stunden-Takt mit irgendwelchen Aktivitäten bespaße. Würde ich das tun, kriege ich einen ziemlich überdrehten Hund. Viele Menschen wissen nicht, dass der Hund sechs Stunden am Tag in Ruhe gelassen werden will.

Es ist also kein Problem, wenn man arbeiten geht und den Hund stundenlang alleine lässt?

Da würde ich vorsichtig sein: Wenn man den Hund länger alleine lässt und mit einer Kamera beobachtet, dann liegt er zwar irgendwo und pflegt die Ruhe, und man denkt zunächst, alles sei in Ordnung. Doch misst man dann die Cortisolwerte von diesem Hund, dann sind die ganz oben. Also: Trennung, selbst nur zeitweise, verkraften Hunde nicht so gut. Das gilt nicht unbedingt für jeden Hund, für manche mag es auch zur Routine werden. Aber auch Hunde, die das nicht zeigen, die also nicht die Wohnungseinrichtung zerstören oder Dauerbellen, wenn man weg ist, können einen hohen Stresslevel haben.
Also: Der Hund braucht Ruhe. Aber den Hund allein zulassen, ist dafür keine gute Idee. Man nimmt ihn besser mit ins Büro, wenn alle einverstanden sind. Man lässt ihn teilhaben und hat eine nette Atmosphäre durch den Hund.

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Fotos: Nikolaj Georgiew

Den Hund überall mitzunehmen ist das Eine. Aber er muss doch auch beschäftigt werden…

Richtig. Also was man jeden Tag machen muss, das sind natürlich gemeinsame Spaziergänge. Das ist ja eine Aktivität. Dabei sollte man darauf achten, mit dem Hund auch zu kommunizieren und ihn nicht nur an der Leine rumzuschleppen. Schon gar nicht an einer Flexi-Leine. Das ist ganz schlimm!

Tatsächlich?

Ja, weil sie dabei nichts lernen. Meistens kommuniziert der Halter erst dann, wenn er den Ruck an der Leine spürt. Wenn überhaupt. Das zerstört im Wesentlichen die Kommunikation zwischen Hund und Halter. Also wenn, dann sollte man nur eine kurze Leine benutzen und, wann immer es geht: den Hund ab von der Leine. Dann kommuniziert der Hund umso besser. Diese Flexi-Leinen – da ist einfach keine Aufmerksamkeit, das ist ziemlich schlimm.

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Fotos: Nikolaj Georgiew

Es gibt ja auch häufig den Vorwurf, viele Menschen würden ihrem Hund zu viel Aufmerksamkeit widmen. Die Tiere vermenschlichen oder als Kind-Ersatz betrachten. Sehen Sie darin ein Problem?

Das kommt darauf an. Vermenschlichung ist völlig normal. Und der Hund als Kindersatz – das ist sogar das Modell, mit dem die Wissenschaft die Mensch-Hund-Beziehung anschaut – also die sozialen Aspekte. Bei manchen Leuten ist das eben stärker ausgeprägt als bei anderen. Frauen haben eine etwas sozialere Beziehung zum Hund als Männer, die oft dazu neigen, den Hund nur zum Freizeit-Partner zu machen. Und manche Leute sagen ganz explizit: Das ist mein Kind. Ich finde, das ist völlig in Ordnung. So lange die Beziehung zum Halter stimmt.

Herzlichen Dank für das nette Interview und dass Sie sich die Zeit genommen haben!

Viele Fragen zur ganz besonderen Beziehung von Mensch und Hund beantwortet das Buch Einfach beste Freundevon Professor Kurt Kotrschal.

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